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Jonas Urbat: Was ist Freiheit?

Wildling möchte ein Stück Freiheit in ein Paar Schuhe packen. Aber was heißt es eigentlich, frei zu sein? Die Definition von Freiheit kann so unterschiedlich sein wie wir selbst.

Jonas Urbat führt ein etwas anderes Leben als die meisten von uns. Er wohnt in einem Van und kann sich jeden Tag aufs Neue entscheiden, wo er ihn verbringen möchte. Heute nimmt er uns mit auf die Reise und plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen - über seinen Lebensstil und darüber, was es für ihn bedeutet, frei zu sein.

 

Ich lebe in einem selbst ausgebauten Van, bin freischaffender Musiker ( Ja, ich kann davon leben), muss niemanden versorgen und komme genauso gut mit mir alleine wie mit anderen Menschen klar. Klingt nach Freiheit ...

Oder vielleicht so: Ich stehe mit dem Van an einer Klippe, vor mir der Atlantik, eine gleichmäßige Brise weht mir um die Nase, sie riecht nach Salz und Erde. Die Sonne wird bald untergehen, es ist noch warm und es gibt keine Probleme zu wälzen; ich wünsche mich nirgendwo anders hin.

Ach, in einem Bus leben, das ist die große Freiheit!

Aber jetzt mal ehrlich ... Ist es wirklich so unbeschwert und toll, sich jeden Tag darum kümmern zu müssen, wo man schläft, ob die Wasservorräte noch reichen und ob die Solarzellen mir genügend Strom liefern, um arbeiten zu können? 

 

Foto: Jonas Urbat

 

Vielleicht ist mein Lebensstil ein Bild für Handlungsfreiheit. Ich kann jeden Abend neu entscheiden, wo ich am nächsten Morgen aufwache und mit wem ich wann, wie viel zusammenarbeiten will. Ich bin auch in meiner Arbeit nicht ortsgebunden, kann zwischen Nordsee und Alpen, zwischen Atlantik und Karpaten überall Musik produzieren. Mit der Zeit bin ich sogar aus allen möglich Projekten ausgestiegen, um noch mehr von dieser Handlungsfreiheit zu bekommen. Irgendwann kam sogar der Punkt, an dem ich mir eine mehrwöchige Auszeit von der 'Lohnarbeit' nehmen konnte. Völlige Freiheit, Let's go!

 

Und dann ... Die bittere Erkenntnis. Wenn ich in jedem einzelnen Moment entscheiden kann, was ich tue, spüre ich keine Freiheit mehr. Am Fuße des Regenbogens wartet kein Topf voll Gold. Nein, die vollkommene Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will, kann sich manchmal echt beschissen anfühlen.

 

"Aber das Reisen, das ist doch die pure Freiheit!"

 

Wandern, sich fein bekochen lassen oder auf einem Gaskocher Ravioli warm machen, auf ein Festival gehen, am Meer sitzen, in einem Straßencafé neue Leute kennenlernen ...

Ich muss zugeben, da kommt auch bei mir ein bisschen Fernweh auf. Ich war sehr überrascht, als ich nach drei Jahren ohne Wohnung in meinem Bus an einem wunderschönen See sitzend, Fernweh verspürte. In einem Buch, einem Musikstück, einem Film oder einer Erzählung erreichte mich irgendwas, was mich ganz tief innen auf rüttelte.

 

Diese Freiheitsbilder, in die wir uns hineinträumen, die uns berühren, sind oft Wegweiser unserer Bedürfnisse. Wir sehnen uns nach mehr Entscheidungsfreiheit, Gemeinschaft, Liebe, Natur, Ruhe, Leben, Genuss. Nach Dingen, die wir uns im Alltag verwehren. In den Bildern der Freiheit sehen wir die Möglichkeit, unsere Umstände zu ändern, um Ausgleich zu schaffen.

Doch oft liegt die Stellschraube zu mehr innerer Harmonie nicht an einem anderen Ort, sondern in uns selbst. Ich versuche, solche Anflüge von Sehnsucht als Hinweise zu verstehen auf  grundsätzliche innere Grundbedürfnisse. Um diesen auf die Spur kommen zu können, braucht man Freiraum, und den kann eine Reise durchaus bieten.

Eine Reise, die keine Tätigkeit, sondern ein Zustand ist. In meinen nun schon vier Jahren, in denen ich ohne festen Wohnsitz lebe, habe ich nämlich eins gelernt: Die Freiheit im Reisen entfaltet sich nicht im reinen Unterwegs-, im On-the-Road-Sein, sondern in einer inneren Ausrichtung zum Geschehen der Welt um uns herum.

 

Foto: Jonas Urbat 

 

Reisen bedeutet für mich in erster Linie, keine Erwartungen zu haben. Was auch immer mir begegnet, ist einfach Teil dieser Unternehmung. Ob ich heute fünf neue Menschen kennen lerne oder alleine den Tag verbringe, ob ich auf Menschen zugehe oder mich ansprechen lasse, ob ich tausend neue Dinge erlebe oder einfach den ganzen Tag in einem Café sitze ... Alles passiert so, wie es passiert. Schöner Nebeneffekt: Wo es keine Erwartungen gibt, wird man auch keine Enttäuschungen erleben.

Diese Art zu Reisen und diese Art von Freiheit hat viel mit Vertrauen zu tun. Irgendwo ist Vertrauen sogar Freiheit. Ihr Gegenspieler sind Ängste, die wir in kleinen Schritten aufspüren, ihnen begegnen und sie auflösen können. Dann kommen wir ganz nah heran an die innerste Natur der Freiheit.

 

Was könnte Freiheit denn ganz allgemeingültig sein?

 

Für mich ist Freiheit der Zustand völliger Akzeptanz. Jeder Mensch, vielleicht jedes Wesen, ist allein selbst in der Lage, zu entscheiden, ob und wann er frei ist. Die Umstände können das erschweren oder erleichtern. Aber ... kann ich akzeptieren, dass so manches gerade noch überhaupt nicht gut läuft? Kann ich akzeptieren, dass ich manche Dinge nicht ändern kann? Was mich umgibt und meine Beziehung zu den Menschen und Dingen um mich herum betrifft, ist in diesem Moment, wie es  ist.

Wenn mein Wollen, mein Können, mein Dürfen synchronisiert sind, dann bin ich frei. Diesen Punkt erreicht man nicht von außen, sondern nur von innen.

 

Foto: Jonas Urbat

 

Kann man für Freiheit kämpfen und sich dabei frei fühlen?

 

Diese völlige Freiheit ist sowas wie Glück: Sie existiert nur im Moment, dauert immer einen Augenblick lang. Und doch kann das Streben nach ihr eine Art Sinn des Lebens sein. Führt sie uns doch zu der Art von Wirken, die am ehrlichsten mit uns und unserer Umwelt ist. Und ich bin davon überzeugt, dass völlige innere Ehrlichkeit ein Zustand guten Wirkens ist.

 

Diese Momente erreiche ich am häufigsten durch Klang. Wenn ich höre, was die Natur in diesem Moment komponiert oder wenn ich Musik auf mich wirken lasse und mit ihr reise.

Man muss nicht frei von Gedanken oder Bedürfnissen sein, um im Moment zu sein, es geht darum, alles um sich und in sich für diesen einen kleinen Moment zu akzeptieren, und vielleicht für den nächsten, und den nächsten...

 

Und dann sind wir da: Freiheit ist, wenn ich mich nirgendwo anders hin wünsche.

 

Akzeptanz kann man auf verschiedenen Wegen erreichen. Manchmal passt einfach alles, das ist der einfachste Zustand, um zu sagen, jetzt ist alles gut! Manchmal ist einem alles viel zu viel und nach ungefähr der dritten Stufe der Überforderung sind die Widerstandskräfte aufgebraucht, es bleibt nur noch der letzte Ausweg: zu akzeptieren.

Oder, man beschäftigt sich bewusst mit allem, was einen in diesem Moment umgibt, mit jedem unserer Sinne: Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Denken  Fühlen und Tasten, vielleicht sind es noch mehr...

 

Unser Körper und Geist sind gar nicht so schlecht darin, anzunehmen, was um uns herum ist, wenn man ihnen nur die Chance dazu gibt. Deshalb bin ich am liebsten in natürlichen Umgebungen, die von mir gar nicht erst verlangen, mich abzuschotten. Ich öffne mich für die Klänge des Windes und den Geruch der blühenden Fichten, deren Blütenstaub mich zum Niesen bringt. Am liebsten bin ich barfuß unterwegs und taste mich über saftigen Löwenzahn und trockenes Gras auch mal bis in den Wald hinein.

 

Foto: Jonas Urbat 

 

Aber wenn es im Unterholz dornig wird, bin ich froh, etwas an den Füßen zu haben, was mir alle Freiheit lässt und dabei Sicherheit bietet. Und wenn ich dann doch mal in der Stadt unterwegs bin, brauche ich schon starke Nerven oder die Gewissheit einer Dusche in den nächsten Stunden, um barfuß unterwegs sein zu wollen. Am bequemsten waren meine grünen Wildlinge aber auf dem flauschigen Teppichboden von Schloss Bellevue zwischen all den schwarzen Lacktretern. Schon schick, was man sich in den feinsten Gesellschaften so alles an Freiheiten erlauben kann ;-)

 

Titelfoto: Jonas Urbat

 

 

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