Auf dem Papier klingt Sorgfalt in der Lieferkette einfach. In der Realität fragen wir uns täglich: Was heißt das konkret, wenn wir wirklich hinschauen? Zertifikate sind für uns nur der Anfang. Uns reicht es nicht, Siegel zu sammeln – wir müssen verstehen, woher Rohstoffe kommen und unter welchen Bedingungen sie verarbeitet werden. Erst wenn wir die gesamte Lieferkette kennen und offen über Herausforderungen sprechen, können wir Risiken für Mensch und Umwelt überhaupt erkennen. Das klappt nur durch Vertrauen und echte Partnerschaften vor Ort.
Materialauswahl für einen Wildling: an vieles muss gedacht werden: Funktion, Design und eben Nachhaltigkeit
In den vier Jahren seit Beginn unserer Produktion haben wir viel gelernt - auch durch Fehler. Aber was machen wir, um Fehler in Zukunft zu vermeiden und unseren Werten wirklich von der Auswahl des Rohmaterials bis zum Ende der Lebensdauer eines Wildlings treu zu bleiben?
Bevor wir eine Lieferkette verändern können, müssen wir sie erst einmal verstehen
Realer Wandel entsteht nicht durch Richtlinien am Schreibtisch, sondern weit vor der Schuhproduktion – bei den Menschen auf den Feldern, in den Spinnereien und Webereien. Und er endet nicht, wenn der fertige Schuh unsere Manufaktur verlässt.
Dies ist eine große Herausforderung für uns, der wir uns stellen.
In der Produktion werden die von uns ausgesuchten Materialien zu einem Schuh gemacht, aber woher kommen diese Materialien?
Wir möchten genau wissen, woher unsere Lieferanten ihre Rohware, die Baumwolle, Schurwolle, das Leinen, den Hanf oder das Papier bekommen und auch, welche Arbeitsbedingungen bei den Baumwollpflücker_innen, Weber_innen und den textilverarbeitenden Betrieben herrschen. Wir fragen nach, mit welchen Chemikalien dort gewaschen, gefärbt und mit welchen zusätzlichen Mitteln die Textilien behandelt werden.
Dafür müssen wir erst mal wissen, wer alles in der Lieferkette involviert ist: Transparenz vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt. Im Fashion Transparency Index 2019 wurden die 200 größten Modemarken im Hinblick auf Informationen über ihre Lieferkette untersucht. Nur eine Marke hat 2018 den Lieferanten des Rohmaterials angegeben. Ob den anderen Marken die Lieferanten nicht bekannt waren oder ob sie diese nur nicht nennen wollten, lässt sich aus dem Index nicht ableiten, aber es zeigt, wie schwer es ist, sowohl als Unternehmen, als auch als Konsument_in, völlige Transparenz zu bekommen.

Wie wir Schritt für Schritt Transparenz in unsere Lieferketten bringen
Um Arbeitsbedingungen und Umweltwirkungen spürbar anzugehen, müssen wir die Wege unserer Materialien lückenlos abbilden. Als Anna und Ran Wildling gründeten, ging es um zwei Fragen: Woher bekommen wir Stoffe in Bioqualität, und wo lassen wir fertigen? Der Anspruch, soziale und ökologische Kriterien mitzubedenken, war von Anfang an da. Doch uns wurde schnell klar: Mit Bio-Baumwolle allein ist es nicht getan. Es ist ein ständiger Suchprozess – geprägt von Dazulernen, Ausprobieren und dem ehrlichen Umgang mit eigenen Wissenslücken.
Welche Kriterien leiten uns bei der Arbeit an unseren Lieferketten?
Die Definition nachhaltiger Lieferketten nach dem deutschen Global Compact Netzwerk lautet:
“Nachhaltigkeit in der Lieferkette“ ist das Management der ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen und die Förderung guter Unternehmensführung über den gesamten Lebenszyklus von Produkten und Dienstleistungen.
Wie füllt man diese Definition mit Leben, wenn man ein Produkt hat, das aus vielen Bestandteilen besteht und durch die verschiedenen Designs auch nicht immer wieder aus den gleichen Materialien hergestellt wird?
Bevor wir gezielte Veränderungen umsetzen können, müssen wir klar benennen, was wir gemeinsam mit unseren Partnern erreichen wollen.
Für uns haben wir die Definition des Global Compact Netzwerks ein bisschen angefüllt und folgendermaßen die Teilbereiche definiert.
Ökologisch: Wir arbeiten daran, Umweltbelastungen zu reduzieren und ressourcenschonendere Rohstoffe entlang der gesamten Wertschöpfungskette einzusetzen.
Sozial: Wir setzen auf aufrichtige, partnerschaftliche Arbeitsbedingungen für die Menschen in allen Schritten unserer Produktion.
Wirtschaftlich: Wir bauen auf langfristige, faire Geschäftsbeziehungen mit allen beteiligten Partnerbetrieben.
Die ökologische Dimension lässt sich noch in viele weitere Teile untergliedern: Wie viel Energieverbrauch haben wir, wie viel CO2 stoßen wir aus, was machen wir mit dem Wasser, das zur Erzeugung des Produkts verwendet wird, welche Auswirkung hat unser Handeln auf die Biodiversität (Stichwort Baumwollmonokulturen), welche Chemikalien kommen zum Einsatz und so weiter.
Über den gesamten Lebenszyklus des Produkts bedeutet für uns:
Wir übernehmen die Verantwortung für das eigene unternehmerische Handeln, genauso wie für die vor- und nachgelagerte Lieferkette.
Damit beginnt die Verantwortung bereits bei den Rohmaterialien und endet nicht bei der Zustellung der Schuhe bei den Kund_innen, sondern geht auch darüber hinaus, bis hin zur Entsorgung oder Wiederverwendung des Schuhs und / oder der verwendeten Materialien.
Über 15 Lieferketten für einen Wildling
Ein einzelner Wildling besteht, je nach Modell und Saison, aus ungefähr 15 verschiedenen Teilen: Obermaterial, Futter, Ösen, Senkel, Membran, Mikrofaser, Garne, Sohle, Kleber, Lasche, Einlage ... ein T-Shirt dagegen besteht aus dem Stoff, also zum Beispiel Baumwolle, und vielleicht noch Garn und dem Waschzettel.
15 Teile heißt, dass wir von 15 Lieferanten Infos und Daten anfordern müssen, die wiederum ihre Lieferanten nach diesen Infos und Daten fragen müssen. Bei einer Vielzahl von Normen und Zertifikaten kann es schnell unübersichtlich werden.
Wir fordern also Zertifikate an, fragen nach Arbeitsbedingungen, Verarbeitung der Materialien und überlegen gemeinsam, wo nötig, nach Alternativen. Wann immer es machbar ist, gehen wir in die Betriebe der Lieferanten und schauen uns alles genau an. Mit vielen arbeiten wir schon lange zusammen und haben ein vertrauensvolles Miteinander geschaffen. Bei regionalen Lieferanten, wie Nordwolle, können wir den gesamten Prozess von der Rohware (in dem Fall die Wolle der Schafe) bis zum fertigen Futter verfolgen. Im Idealfall machen wir das Gleiche auch bei allen anderen Rohwaren.
Mehrere Garne aus unterschiedlichen Materialien bedeutet verschiedene Lieferketten
Je größer Wildling wird und je mehr Schuhe wir produzieren, desto besser wird auch unsere Verhandlungsposition bei den Lieferanten, die aber meistens auch bereit sind, uns geduldig alle Fragen zu beantworten und offen mit uns zusammen wirken wollen. So verstärken wir unseren Einfluss und nehmen unsere Verantwortung wahr und werden damit auch für weitere Lieferanten interessant, die bereit sind, sich gemeinsam mit uns den schwierigen Fragen zu stellen, Daten transparent zu teilen und stetig dazuzulernen.
Weil zertifizierte Materialien und offene Einblicke in die Fertigung erst der Anfang sind.
Einen kleinen Mitschnitt von unserer Teilnahme am Klimastreik am 20.09.2019 findet ihr auf unserem YouTube-Kanal.


