Der alte Fuchs hält seine Schnauze in den Wind. Der erste Frost ist noch weit, aber der Geruch von nassem Laub, reifen Äpfeln und dem Holz der knirschenden Bäume bestätigt ihm, dass das Jahr bald zu Ende geht. Für ihn einerlei - es wird nicht sein erster Winter sein und er hofft, dass es auch nicht sein letzter sein wird.

WUMS trifft ihn ein Tannenzapfen. “Entschuldige Onkel Fuchs, ich wollte eigentlich die Gämse treffen!” Hinter einem Busch tauchen zwei Hörner auf und die kleine Lupa rennt von hinten am alten Fuchs vorbei ins Gebüsch. Zusammen mit der Gämse und dem kleinen Rotkehlchen verschwindet sie kichernd hinter den Bäumen.

“So jung möcht ich auch noch mal sein”, schüttelt der Fuchs den Kopf, “dann würd die Kleine was erleben”. Aber er grinst. Die Erinnerung an frühere Zeiten, als er selber mit dem Fohlen über die abgeernteten Felder rannte, ist zu schön.

Er dreht sich um. Es wird Zeit, die Vorräte zusammen zu suchen und den Fuchsbau winterfest zu machen.

Rotkehlchen, Lupa und die Gämse sind unbeeindruckt von den sinkenden Temperaturen - mit ihrem Winterfell und -gefieder ist ihnen jetzt schon warm! Sie denken auch nicht an Vorräte sammeln oder Winterschlaf, sie wollen Abenteuer erleben! Sie laufen zur Blinus-Schlucht, dort, wo die Felsen schroff das Wasser schneiden und das Licht der Sonne fernhalten. Abenteuerlicher ist es nirgendwo.

Das Wasser in der Schlucht hört man schon von Weitem. Ein Tosen und Branden, Wasserfall nach Wasserfall durchzieht die alten, unbeeindruckten Felswände.

Aber was ist das? Über das Getöse des Wassers hinweg klingt noch ein anderes, leiseres Geräusch - eine Stimme? Ja, ein Hilferuf, jetzt ist es ganz deutlich.

Und da oben, kreisen da nicht Milan und Falke immer wieder über dem Punkt, an dem das Wasser in der Schlucht ihre tiefste und engste Stelle passiert?

Lupa, Rotkehlchen und Gämse schauen sich an. Noch nie ist jemand so tief hinunter gegangen! Jeder weiß, dass selbst die Gämsen mit ihren flinken, geschickten Hufen diesen Ort meiden.

Gemeinsam laufen sie los. Durch das dichte Gestrüpp, das hohe Gras der Weiden an den Rand der Klippe. Vorsichtig schauen sie hinunter:

Die kleine Aurora steht verzweifelt auf einem Felsen, mitten im tosenden Fluss, links und rechts reißt das Wasser Steine und Treibholz die Schlucht hinunter. Falke und Milan rufen ihr zu: “Aurora, halte durch, Hilfe naht!” Aurora ist schon völlig durchnässt und weint.

“Rotkehlchen, wir brauchen die Pirole. Und Mama Wolf. Sie soll eine Decke mitbringen!” Lupa übernimmt das Kommando. Die Tiere des Waldes haben schon oft bewiesen, dass sie zusammen alle Probleme lösen können. Bei den Großen hat Lupa gesehen, dass gemeinsam Wunder wahr werden. Und hier ist ein Wunder wirklich nötig, denn alleine kommt Aurora hier niemals raus.

Wo bleibt Mama Lupa denn nur? Und wo die Pirole?

Die Gämse steigt die felsige Wand hinunter, sie mag nicht mehr warten. Sie kommt nur kurz ins Schlittern, aber nach einigen Minuten ist sie bei Aurora. “Wie bist du nur hier unten gelandet?” “Ich habe in der Morgenröte einen Regenbogen gesehen. Und am Ende eines Regenbogens findet man Gold. Oder Glück? Ich weiß es nicht mehr, aber was Spannendes! Und dann...habe ich irgendwie den Abgrund nicht gesehen”.

Ein lautes Tschirpen kündigt den Schwarm Pirole an, auch Mama Lupa taucht auf, eine kuschelige Decke im Maul. Die wirft sie runter in die Schlucht. Die Gämse fängt sie auf. Mit Aurora breitet sie die Decke aus und das Mädchen setzt sich darauf. Die Pirole fliegen hinterher, jeder nimmt ein Stück Decke in den Schnabel, auch Falke und Milan helfen mit, und zusammen tragen sie Aurora in die Luft hinauf, weit ab vom Rand der Klippen legen sie die Decke ab.

Verfroren und verschämt schaut Aurora in die Runde. Da schreitet der Pfau heran. Sachte legt er seine langen Federn auf Aurora herab. Sein aufmunternder Blick wärmt auch Auroras Herz. Alles ist gut.

Der alte Fuchs, der nach dem Rechten sehen will bei all dem Trubel, schaut sich alles aus einiger Entfernung an. “Vielleicht ist es doch ganz gut, dass ich nicht mehr so jung bin. Das wäre mir doch zu viel Abenteuer gewesen”.

Er dreht sich um und wendet sich wieder seinem Fuchsbau zu. Aurora und die anderen Wildlinge atmen kurz durch. “Und jetzt” fragt die kleine Lupa, “welches Abenteuer wartet als nächstes?”

Was meint ihr, welches Abenteuer wartet im Winter auf die Wildlinge?

Run wild - Anna, Ran und Team Wildling

Titelfoto von urnaturaen

2 Kommentare

  • Geposted am von Sarina Kock

    ohh wie schön 😍 die tolle Geschichte lässt Vorahnungen erwecken 🤗

    Ich freue mich schon auf die heutige Vorstellung der neuen, jungen Wildlinge

  • Geposted am von manu

    was fuer ein wundervolles maerchen. so spannend und aufregend wie das maerchen, ist hier die vorfreude auf die neuen wilden. ganz liebevoll umschrieben. wir freuen uns

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