Ein Dutzend Kinder, kurze Hosen, dreckige Beine, zieht durch die Nachbarschaft. Einige halten Stöcke zu einem hohen Turm gestapelt auf dem Arm, andere ziehen dicke Äste hinter sich her. Es sind Mädchen und Jungen, im Alter von 4 bis 12 Jahren, kein Erwachsener weit und breit. Sie wollen im nahegelegenen Wald ein Tipi bauen, vielleicht auch eine Holzhütte. Mal sehen, welches Material sich noch finden lässt…

Haben wir nicht alle Kindheitserinnerungen wie diese? An Tage, die man draußen verbrachte, ohne Erwachsene? Tage, an denen man an der Tür des Nachbarkindes klopfte um einfach zu fragen: “Kommst du mit, spielen?” Und das andere Kind meistens Zeit hatte?

Der Autor Mike Lanza hatte ähnliche Erinnerungen an seine Kindheit im Sinn, als er nach der Geburt seines ersten Sohnes auf der Suche nach einem neuen Haus war. Er suchte nach einem Ort, in dem Kinder auf der Straße sind, die dort Ball spielen. Er hielt Ausschau nach Kindern, die im Vorgarten Trampolin springen, ohne dass elterliche Adleraugen über dieses Vergnügen wachen.

Während er durch die Städte fährt, in denen er sich sein zukünftiges Zuhause vorstellen kann, stellt Lanza  fest: Kinder sind hier unsichtbar. Falls irgendwo Kinder spielen, dann versteckt hinter hohen Zäunen oder innerhalb der Häuser. Und er beginnt sich zu fragen, woran das liegt und vor allem: wie man das ändern kann.

In seinem Buch mit dem Originaltitel “Playborhood”, zusammengesetzt aus den englischen Wörtern play (Spiel) und neighborhood (Nachbarschaft) schreibt er über seine Vision. Die Nachbarschaft als  ein Ort, in dem Kinder sich frei bewegen und spielen können. Er stellt Überlegungen an, welch großartige Auswirkungen das auf das Gefühl von Selbstwirksamkeit, Selbstbewusstsein und soziales Miteinander hat. Kinder, die mit anderen Kindern spielen und draußen eigenen Projekten nachgehen, lernen etwas über Teamgeist und Selbstorganisation, über intrinsische Motivation und erleben Flow - das im Hier und Jetzt sein, das man bei Aufgaben hat, die herausfordernd sind, aber machbar.

Um die Kinder dazu zu bringen mehr Zeit draußen zu verbringen, reicht es aber nicht, ihnen das Smartphone abzunehmen oder sie früher aus Schule und Kindergarten abzuholen, um sie dann vor die Türe zu setzen. Denn was erwartet sie dort? Was passiert, wenn sie durch die Nachbarschaft streifen oder an den Haustüren der anderen Kinder klopfen? Vermutlich werden sie niemandem begegnen. Wenn man möchte, dass Kinder wieder mehr mit anderen Kindern draußen spielen, dann gehört nicht weniger als ein Kulturwandel dazu. ….

Diese Ideen aus seinem Buch finden wir besonders inspirierend und leicht umzusetzen:

  • den Vorgarten zum Spielen und Zusammensein nutzen: wer in einem Haus wohnt, hält sich meistens im hinter dem Haus gelegenen Garten auf. Der Vorgarten wird, falls vorhanden, meist nur als dekoratives Element betrachtet. Mike Lanza schlägt vor ihn zu beleben, damit die Nachbarn mitbekommen, dass dort Menschen, Kinder sind. Die Nachbarn auf ein Pläuschchen einladen, vorbeigehende Kinder einladen, zum Spielen zu bleiben. Erst wenn es sich in der Nachbarschaft herum gesprochen hat, dass dort jemand zum Spielen ist, kommen auch mehr Kinder vorbei.
  • Weg mit den Zäunen. Kinder aus der Nachbarschaft sollten sich eingeladen fühlen, in den anderen Gärten zu spielen. Dann muss auch nicht mehr in jedem Garten ein Trampolin stehen und in jedem ein Sandkasten sein - so kommen mehrere Kinder schon quasi automatisch zusammen.
  • Kinderfreundlichkeit vor schöner Architektur: Mike Lanza hat die Einfahrt zu seiner Garage zubetoniert. Vorher bestand sie aus schönem Kopfsteinpflaster und war mit großen Steinen eingefasst. Jetzt können die Kinder aber dort Skateboarden, mit ihren Bobbycars und Laufrädern fahren, ohne über Hindernisse zu stolpern.
  • Nachbarschaftsfeste feiern: wenn man selbst die Idee hat, die eigenen Kinder mit anderen Kindern draußen spielen zu lassen,dann braucht man unter den anderen Eltern Verbündete. Hier heißt es Eigeninitiative ergreifen und grillen, Schatzsuchen und Rallyes organisieren oder saisonale Anlässe nutzen.
  • Parks und öffentliche Plätze nutzen: auch Parks und Grünflächen können wunderbar genutzt werden um sie zu Spielräumen zu machen. Man kann im Wechsel mit anderen Familien dort “Station” machen, so dass immer Erwachsene vor Ort sind (für Pflaster und Verpflegung), aber die Kinder doch recht selbstorganisiert ihrem Spiel nachgehen können.

Geduld: Ein solcher Kulturwandel entsteht nicht von jetzt auf gleich. Um ein Stadtviertel oder eine Wohngegend zu einem kinderfreundlichen Ort zu machen, an dem Kinder die Freiräume und Möglichkeiten haben gemeinsam zu spielen, bedarf es Zeit und das Verlassen der eigenen Komfortzone.

Warum so viel Aufwand? Vielleicht für die zukünftigen Kindheitserinnerungen unserer Liebsten. Oder wie Mike Lanza es ausdrückte:

“I wasn’t terrified that he would have an inferior education or live in an unsafe world. I was terrified that he wouldn’t have a happy childhood.”

Und es gilt: auch kleine Schritte haben große Wirkung - Run Wild

Anna, Ran und die Wildlinge

Zum Weiterlesen: Let Kids Play in der New York Times (auf Englisch)

Mike Lanza: Playborhood. Turn your neighborhood into a place for play