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Siebenkilopaket: Mut zur Sichtbarkeit

Hallo! Ich bin Daniela, 39 Jahre alt und blogge unter siebenkilopaket über den Alltag meiner Regenbogenfamilie. Wir, das sind meine bezaubernde Frau, unsere zwei wundervollen Jungs, unsere Boxerhündin Emmy und ich, die gemeinsam für das bunte, laute und glückliche Chaos sorgen, das wir Leben nennen.
Und als wäre das nicht schon Abenteuer genug, kämpfen wir ganz nebenbei noch um uns wichtige Themen wie Anerkennung, Gleichstellung und Inklusion. Als gleichgeschlechtliche Eltern und Mütter eines Kindes mit Behinderung führen unsere Wege zwar nicht immer geradeaus, doch wir werden mit den schönsten Aussichten belohnt, die nur wenige zu Gesicht bekommen ❤️

Wie würde dein Ich als es 20 war, dich heute beschreiben?

Wow! Was für eine spannende Frage! Ich muss gestehen, mein erster, spontaner Gedanke dazu war: Ich glaube, wir wären schlicht aneinander vorbeigelaufen. :) Doch wenn ich länger darüber nachdenke, bin ich davon überzeugt, dass wir uns eine Menge zu sagen gehabt hätten. Mein heutiges Ich würde in Erinnerungen schwelgen, mit wieviel Leichtigkeit man durchs Leben laufen kann und die junge Frau bewundern, die trotz ihrer Geschichte so viel Freude ausstrahlt. Mein damaliges Ich wäre ziemlich sicher beeindruckt von der Frau, die unbeirrt ihren Weg geht - ganz egal, wie viele Windungen und Umwege er auch mit sich bringt. Und darüber auch offen und ehrlich spricht, wie sich das anfühlt, wenn es nicht nur immer weiter geradeaus geht.

Wann fühlst du dich frei?

Ich fühle mich immer dann frei, wenn ich mich voll und ganz auf meine Familie konzentrieren kann. Ich gehe darin auf, meine Lieben an meiner Seite zu wissen und vergesse dabei gerne alles um mich herum. Sei es bei einem gemütlichen Bastelnachmittag mit den Kindern zu Hause oder bei einem verlängerten Wochenende an der Nordseeküste: Ich brauche keine Zeit für mich, was mir viel Kraft gibt ist die Zeit für uns und unser Familienleben.

All das setzt natürlich voraus, auch als Familie anerkannt zu werden. Leider ist es als Regenbogenfamilie absolut nicht der Fall und der Weg bis dahin ein sehr, sehr langer. Obwohl sich in den letzten Jahren einiges für die Gleichstellung von homosexuellen Paaren getan hat, ist es heute leider immer noch keine Selbstverständlichkeit, als gleichgeschlechtliches Paar Kinder zu bekommen. Ganz im Gegenteil: Von Privilegien und Vorteilen ist die Rede, während nichts weiter als Akzeptanz nötig wäre. Ich befürchte, solange das nicht gegeben ist, ist es auch nicht möglich, sich vollständig frei zu fühlen - auch mir ist es bisher nicht ganz gelungen.

Foto: siebenkilopaket

Wann warst du das letzte Mal ein wenig verrückt und wann das letzte Mal mutig?

Letztes Jahr! Ganz definitiv! Elternzeit einreichen, Koffer packen, losfahren und viel, viel Abstand von unserem neuen Alltag bekommen. Ich habe mit meiner Frau 2018 unser zweites Kind bekommen. Die komplizierte Schwangerschaft endete mit einer viel zu frühen Geburt in der 32. SSW, die leider nicht folgenlos blieb: Zwei Hirnblutungen führten zu einer frühkindlichen Hirnschädigung, bei der sowohl der Bewegungsapparat als auch die Sehnerven betroffen waren. Die Zeit danach - voller Ungewissheit, Verunsicherung und Angst - war die mit Abstand größte Herausforderung unseres Lebens, die uns weit, weit weg von unserer Mitte weggekickt hat. Niemand konnte uns sagen, wie es mit unserem Sohn weitergeht und wie sich unser Familienleben gestalten würde. Kurzerhand alles einzupacken und dem neuen Alltag aus Therapien, Krankenhausbesuchen und furchterregenden Diagnosen zu entfliehen war die verrückteste und beste Entscheidung, die wir in den letzten Jahren getroffen haben.

Mit dieser Reise haben wir uns die Kennenlernzeit zurückgeholt, die uns durch seine viel zu frühe Geburt und die sich dadurch ergebenden Komplikationen genommen wurde.
Seitdem bin ich jeden Tag aufs Neue mutig und versuche, mich auf mein Bauchgefühl zu verlassen, im Heute zu leben, mit anderen Augen auf die Zukunft zu blicken und meine Komfortzone, wann immer es geht, zu verlassen.
Es ist ein Kraftakt, der tagtäglich Übung erfordert. Doch wenn man sich darauf einlässt, klappt es erstaunlich häufig!

Welche Erfahrung in deinem Leben hat dich besonders geprägt?

Zum Glück kann ich auf recht viele einschneidende Erlebnisse und Erfahrungen zurückblicken, die mich zu derjenigen gemacht haben, die ich heute bin. Doch die Erfahrung, die mich am meisten geprägt hat, ist zweifelsohne meine Auswanderung aus Brasilien mit 14 Jahren.
Von einem Tag auf den anderen durfte ich mich in ein komplett neues Leben stürzen: eine mir bis dahin völlig fremde Sprache lernen, einen komplett neuen Freundeskreis aufbauen, eine mir eigenwillig erscheinende Mentalität kennen- und lieben lernen… Und inmitten all dieser aufwühlenden Freude, dieser neu gewonnenen Freiheiten und dieser treibenden Neugierde machte ich Bekanntschaft mit einer mich übermannenden Sehnsucht, mit den größten Verunsicherungen und mit herben Enttäuschungen.

Mir ist die Kraft meiner gewählten Adjektive durchaus bewusst - und doch sind sie nicht stark genug, um die Achterbahn der Gefühle zum Ausdruck zu bringen, die man in den ersten Jahren als heranwachsender Einwanderer in sämtlichen Lebensbereichen erlebt.
Ich würde sogar soweit gehen, zu sagen, dass Auswandern eine Extremerfahrung ist. Eine, die einen vor ungeahnte Herausforderungen stellt, denen man sich häufig nicht im Geringsten gewachsen fühlt. Sie trotz allem bewältigt zu wissen, hat mir das Wertvollste in meinem Leben beigebracht. Ich bin davon überzeugt: Wer das Glück in seinem Herzen trägt, kann überall und unter jeglichem Umstand glücklich sein. Und zwar ganz unabhängig von anderen Menschen, Gegebenheiten oder Örtlichkeiten. Das fühlt sich befreiend an!

Foto: siebenkilopaket

Was bewegt dich (gerade) am meisten?

Ganz klar: Regenbogenfamilien und Gleichstellung sind bei mir Themen, die aus meinem Alltag (leider) nicht wegzudenken sind. Die Tatsache, anders zu sein, begegnet uns Tag für Tag. Die tägliche Aufklärungsarbeit ist real: Sei es beim Ausfüllen eines Formulars, in dem eine von uns keinen Platz findet, oder wenn man wieder einmal wildfremden Menschen erklären darf, wie es „das alles“ geben kann. Zwei Frauen und zwei Kinder, vom Kinderwunsch über die Zeugung bis hin zur weiteren Kinderplanung - anderen scheint keine Frage zu intim zu sein.
Meistens aber freuen wir uns über das Interesse und die Offenheit, mit der man uns begegnet, natürlich je nachdem, wer uns fragt und vor allem wie man uns fragt. Berührungsängste abbauen lautet die Devise - und zwar auf beiden Seiten. Das Interesse und die Bereitschaft, Vorurteile abzubauen, darf keine Einbahnstraße sein.
Ich bin davon überzeugt, dass man als öffentlich lebende Regenbogenfamilie bereits durch seine Präsenz einen wesentlichen Beitrag zur Identitätsfindung und Akzeptanz leisten kann. Sei es weil man am Anfang seiner Reise steht und nicht weiß, wo man anfangen soll und wohin alles führen kann, oder weil man sich plötzlich mit Lebensformen konfrontiert sieht, die man so nicht für möglich gehalten hat.

Genau diese Gedanken brachten mich dazu, mit der Geburt unseres ersten Sohnes mit dem Blog siebenkilopaket anzufangen. Hier berichte ich nicht nur aus unserem Leben, sondern biete auch anderen Regenbogenfamilien eine Plattform, um den mutigen Schritt in die Öffentlichkeit zu machen.
In Form von regelmäßigen Interviews kommen mal Paare mit Kinderwunsch, mal Eltern von homosexuellen Kindern, mal Kinder, deren Eltern in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben und mal Familien - in jeglicher Konstellation - zu Wort. Dadurch entstehen ein unheimlich wertvoller Austausch sowie sehr persönliche Einblicke in Lebensweisen, Wünsche und natürlich auch Herausforderungen, vor die Regenbogenfamilien gestellt werden.
Was mich sonst noch bewegt, sieht man täglich auf meinem Instagram-Kanal: Es geht um Mut. Den Mut, den man braucht, um seine Träume aktiv zu verwirklichen. Den Mut, den man braucht, um seine Komfortzone zu verlassen. Den Mut, den man braucht, um zu leben, zu lachen und zu lieben.

Was wünscht du dir für die Zukunft?

Kurze Antwort: Gesundheit. Denn alles andere kriegt man ja irgendwie hin 🙂 Aber wenn ich noch mehr Wünsche frei hätte, dann würde ich mich gerne auch in der Zukunft über die vielfältigen Möglichkeiten freuen können, welche die technische Entwicklungen mit sich bringen.
Sich zu jeder Zeit, mit Jedermann, zu jeglichem Thema von jedem Ort dieser Welt aus austauschen und sein Wissen teilen zu können, ist ein Geschenk.
Wer möchte, kann dazu beitragen, diese Welt zu verändern - entweder indem er/sie es selbst in die Hand nimmt und andere dazu inspiriert oder indem er/sie die Inspiration annimmt und bei sich selbst anfängt.

Dieser kühne Wunsch ist längst die Realität von so vielen geworden! Nachhaltigkeit, Diversität, Weltoffenheit, Umweltschutz, Vereinbarkeit, Aufklärung … - die Liste der Themen, die gerade Veränderungen bedeuten, lässt sich endlos fortführen. Ich habe das Gefühl, gerade Teil einer Bewegung zu sein und mit meinem Engagement die Entwicklung aktiv mitzugestalten.
Ich wünsche, der heranwachsenden Generation stehen bald noch mehr technische Möglichkeiten und kreative Wege zur Verfügung, Veränderungen voranzutreiben, für Sichtbarkeit zu kämpfen und sich zu verwirklichen.
Barrieren abzubauen fühlt sich zu gut an!

 

Vielen Dank für dieses wundervolle Interview, liebe Daniela!

 

Titelbild: siebenkilopaket

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