Im Gespräch mit Joy Denalane

Was verbindet Wildling und die Musikerin Joy Denalane? Wir wollen den Boden spüren, der uns Halt gibt, Bewegungsfreiheit entdecken, individuelle Wege finden. Und empowern – mit Schuhen und mit Soul.

Als im Fuchsbau verkündet wurde, dass Wildling und Joy die Kooperation EMBRACE YOUR PATH starten, waren einige ganz schön aus dem Häuschen. Denn nicht wenige von uns hatten schon Ende der 90er Gänsehautfeeling zu Joys starker Stimme. Kein Wunder, dass die German Queen of Soul die erste deutsche Sängerin ist, die auf dem legendären us-amerikanischen Soul- und R&B-Label Motown veröffentlichte: Im Herbst 2020 erschien dort Joys fünftes Studioalbum „Let Yourself Be Loved“.

Im Interview zum Start unserer Zusammenarbeit sprechen wir über inspirierenden Research und liebe Brüder, die afropäische Community und Vorbilder. Und darüber, warum es so wichtig ist, einander zuzuhören.

Joy, du machst jetzt so viele Jahre Musik – woher nimmst du deine Inspiration und hat sie sich im Laufe der Jahre verändert?

Inspiration entsteht durch Langzeitbeobachtungen oder Zufälle – aus den Dingen, die einen persönlich bewegen: familiäre Hintergründe, Schicksale und gesellschaftliche Themen, die einem in den Nachrichten begegnen, Privates oder Beobachtungen, die man macht. So ist das auch bei mir. Und ich hatte immer schon die Tendenz dazu, den Dingen, die ich empfinde, nachzugehen, wie so eine Art Research. Kürzlich habe ich beim Rumräumen in unserer Wohnung zwanzig Jahre alte Notizbücher gefunden: Obwohl ich nicht klassisch Tagebuch schreibe, habe ich immer diese Bücher, in denen ich alles notiere. Da stehen Gedanken und Ideen für Texte drin, Termine und Verpflichtungen, aber zum Teil auch politische Artikel, die ich ausgeschnitten habe, literarische Passagen, die ich mir rausgeschrieben habe. So arbeite ich: Ich tauche richtig ein und mache mich auf die Suche nach dem Kern der Sache – ein bisschen wie eine Art Trüffelschwein.

Alte Notizbücher, Zeitungsartikel, bis zum Kern eintauchen: Das klingt auch alles sehr nach persönlicher Geschichte. Inwiefern spielt da die Interaktion mit der Schwarzen Community eine Rolle?

Ich habe meine Schwarze Identität schon immer in der Öffentlichkeit thematisiert, mit der Black-Lives-Lives-Matter-Bewegung hat die Debatte eine ganz neue Qualität bekommen – und ich freue mich natürlich total, zu sehen, wie die Community auch in Deutschland wächst und sich findet, verbündet. Auch der Austausch mit den Medien verändert sich, und es gibt immer mehr Stimmen, die mich da inspirieren. Momentan ist so eine große Inspiration für mich beispielsweise die unglaublich kluge Politologin, Autorin und Aktivistin Emilia Roig, die sich mit dem Thema Intersektionalität beschäftigt, mit einem Schwerpunkt auf der Schwarzen Community. Ich habe ihr Buch fast biblisch gelesen, weil sie das zusammenfügt, was so viele fühlen und denken.

„Let yourself be loved“, das Album deiner anstehenden Tour legt den Fokus auch auf deine afropäische Identität. Johny Pitts hat in seinem Buch „Afropean – Eine Reise durch das schwarze Europa“ darüber geschrieben, dass der Begriff „afropäisch” ihm die Möglichkeit bot, sich selbst als vollständig und ohne Bindestrich zu begreifen. Und im Buch schreibt er auch von dir. Was bedeutet dieser Begriff für dich?

Ich finde mich darin einfach total wieder und den Begriff so treffend, um die Unterscheidungen in der Schwarzen Diaspora sichtbar zu machen. Die Schwarze Community in Europa hat nicht diese großen Stimmen wie beispielsweise die afroamerikanische, und eben auch einen ganz anderen historischen Background. Und sie ist viel versprenkelter. Für viele, die sich nicht mit dem Thema Schwarze Identität auseinandersetzen, ist gar nicht greifbar, was damit gemeint ist. Aber es gibt sie eben, die afropäische Community, mit einem eigenen Erleben Schwarzer Identität – und diese wird durch den Begriff plötzlich viel sichtbarer.

Dein Album wird von einem tollen Artwork begleitet, dass dieses Thema aufgreift. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Diana Ejaita?

Ganz generell springe ich auf Vieles an, was Schwarzes Leben abbildet, in der Kunst, im gesellschaftlichen Gespräch. All das, was vor allem im europäischen Raum zu Beginn meines Lebens viel zu kurz kam. Das löst einfach etwas in mir aus. So bin ich auch auf Diana aufmerksam geworden, die meine Album-Deluxe-Box von „Let Yourself Be Loved“ wunderschön illustriert hat. Ich hatte ihre fantastischen Illustrationen im berühmten US-amerikanischen Magazin „The New Yorker“ bewundert und habe fortan davon geträumt, mit jemandem wie Diana zusammenzuarbeiten, allerdings ohne tatsächlich aktiv zu werden. Durch einen totalen Zufall habe ich dann herausgefunden, dass Diana mittlerweile nach Berlin gezogen war und dann war schnell alles klar, wir haben einfach beide sofort verstanden, worum es uns geht. Ich glaube, das hat schon auch was mit der spürbaren Verbindung der afropäischen Community zu tun.



Illustrationen: Diana Ejaita


Der Kerngedanke hinter Wildling ist, dass wir alle Teil der Re:generation sind. Wir wollen für Gleichgewicht sorgen, mit unseren Minimalschuhen auf körperlicher Ebene, aber als Unternehmen auch auf gesellschaftlicher Ebene und in Bezug auf unseren Planeten. Wo nimmst du selbst Ungleichgewicht wahr, persönlich oder gesellschaftlich? Was sind aus deiner Sicht die größten „Regenerations-Baustellen“?

Puh, das ist jetzt natürlich eine ganz schön große Frage, wo soll ich da anfangen? Ich würde sagen, ein großes Schlüsselthema ist das Scheitern von Kommunikation. Und birgt dadurch zugleich auch das größte Potenzial: Dass wir Menschen anfangen, einander zuzuhören und voneinander lernen, uns eine Art Vertrauensvorschuss geben. In alltäglichen Situationen wie in gesellschaftspolitischen Debatten. Ich habe das Gefühl, dass wenn wir uns oft zu wenig Zeit und Raum geben, uns der Position des anderen auch mal zu nähern und sie zu beleuchten – und mit der eigenen abzugleichen. Um gegebenenfalls einen Konsens finden zu können.

Immer in Hab-Acht-Position zu sein, bereit zurückzufeuern, das lernen wir von klein auf. Die Medien zeigen uns, dass es vor allem darum geht, unsere eigene Position durchzuboxen. Der Ton ist einfach überall sehr scharf. Ja, das wäre so ein großer Schritt in Richtung Gleichgewicht: Sich Zeit zu nehmen, einander zu verstehen.

Zuhören, die Art, wie wir miteinander umgehen, und das, was uns umgibt – das formt ja auch unsere Identität. Wie ist das bei dir? Wer hat dich geprägt und prägt dich heute noch?

Das sind natürlich total viele Dinge im Verlauf eines Lebens. Aber das war bei mir zuallererst mein familiäres Umfeld. Ich habe das große Glück, dass ich ganz liebe Eltern hatte, die so ein Grundvertrauen in uns Kinder hatten und uns ganz oft haben machen lassen. Ich glaube, meine Eltern hatten einfach wenig Angst und dadurch waren wir recht frei in unserer Entwicklung. Irgendwie war das so gelassen. Ich habe das Gefühl, das hat sich heute ein bisschen geändert, wir als Elterngeneration sind ängstlicher und beschneiden unsere Kinder dadurch viel mehr, um sie vor falschen Entscheidungen zu bewahren.

Und dann hatte ich noch zwei tolle Brüder, die sechs und acht Jahre älter sind als ich, die viel Verantwortung für mich übernommen haben. Und die waren auch total lieb, so gar nicht bevormundend, mit Ansagen machen und über die kleine Schwester bestimmen. Ich glaube, meine Familie fand mich einfach schon sehr okay, wie ich war, alle haben mir vertraut, mich sein lassen, mich Erfahrungen machen lassen. Und haben mir damit die Möglichkeit gegeben, einfach zu machen und mir dadurch erlaubt, auch okay mit mir zu sein.

Und natürlich habe ich später noch viele verschiedene Vorbilder und Mentor:innen gehabt, auch im musikalischen Bereich, darunter natürlich auch Max Herre. Da waren einfach schon viele tolle Leute dabei, denen ich begegnen durfte. Ja ich glaube, ich habe starke Wurzeln.



Foto: Bennie Julian Gay

Um Vorbilder und darum, die nachfolgende Generation zu supporten, Erfahrungen zu teilen, geht es ja auch bei dem Mentoringprojekt „Vorbilder“, das Wildling und du gemeinsam unterstützen werden.

Wie siehst du das? Verpflichtet dich dein Status als bekannte Persönlichkeit dazu, gesellschaftliches und politisches Vorbild zu sein? Und kann jede:r ein Vorbild sein?

Ich glaube, das ist total themenabhängig. Ich denke, wenn es um Dinge geht, von denen ich überzeugt bin, mit denen ich mich auskenne, kann ich auch eine Vorbildfunktion einnehmen.

Ich glaube aber auch, dass man sich nicht immer zu allem äußern muss, vor allem, wenn man sich nicht sicher ist. Als in der Öffentlichkeit stehende Person ist man oft der Erwartung ausgesetzt, dass man zu jedem Thema, das gesellschaftlich gerade relevant ist, immer möglichst schnell was sagen soll. Da sind wir dann wieder beim Zuhören, beim Zeit nehmen: Oft haben wir einfach gar nicht die Chance, unsere Gedanken zu sortieren, zu überarbeiten, zu reflektieren. Da besteht immer die unglaublich große Erwartungshaltung, dass man sich sofort positionieren muss. Das ist in den sozialen Medien natürlich besonders stark ausgeprägt und ich glaube, vor allem für die jüngere Generation ist der Druck da unglaublich groß und kann eine richtige Qual werden.

Vielleicht ist mein Fell da auch einfach bisschen dicker und wahrscheinlich fällt mir die Abgrenzung auch leichter, weil ich aus einer anderen Zeit komme. Ich glaube, es ist wirklich wichtig, dass man sich da nicht zu sehr vereinnahmen lässt. Das heißt natürlich nicht, nicht zu überdenken, was Leute an einen herantragen. Aber ich finde nicht, dass in der Öffentlichkeit zu stehen, dazu verpflichtet, allen Erwartungen gerecht zu werden. Das ist ja auch schlichtweg unmöglich. Das muss man lernen.



Foto: Ulrike Rindermann

Dein Album „Let yourself be loved“ erzählt von Liebe, Freundschaft und Familie. Und eine besonders tolle Zeile aus dem Song „Hey Dreamer“ lautet: „And if we keep our heads in the clouds, we're gonna be the first to feel the rain.“ Was bedeutet das für dich?

Da geht es darum, neue Wege zu gehen, Gefahr zu laufen und risikobereit zu sein, für einen Traum auch in ein Wagnis zu springen. Den Kopf in den Wolken zu haben, das ist ja ein Bild dafür, träumerisch zu sein, ein bisschen eigen vielleicht. Aber eben auch nicht zu entrückt – weil man als erstes den Regen abbekommt und merkt, dass man sich vielleicht verrannt hat, oder als erstes Steine spürt, die im Weg liegen.

Ist das dann vielleicht auch eine Möglichkeit, die Steine für die nächste Generation zumindest ein bisschen zur Seite zu räumen?

Ja, immer gerne. Aber gleichzeitig glaube ich, es gibt total viele Dinge, die man einfach selbst erfahren muss. Klar, bestimmte Role Models an denen man sich orientiert, haben zu bestimmten Zeitpunkten im Leben eine ganz besondere Bedeutung, das geht mir auch so. Aber am Ende kommen und gehen sie meistens auch. Und ich glaube ganz fest daran, dass man bestimmte Dinge einfach selbst erfahren muss. Ich kann natürlich total viel annehmen von einer Person, die mir Dinge zeigt, in denen ich mich spiegele. Und das kann unglaublich helfen – auch, um sich weniger alleine zu fühlen, Halt zu finden. Aber am Ende ist das eben auch nur die halbe Miete. Rausfinden, ob das dann mein Weg ist, ob etwas für mich passt, das muss ich am Ende selbst.

Wir sind ja auch einfach alle unterschiedlich. Was für mich funktioniert, funktioniert vielleicht für dich nicht, obwohl es auf den ersten Blick richtig gut zu passen scheint. Aber du musst das ja verstoffwechseln, mit allem, was du bist, und allem, was du hast. Und manchmal kommt dann was ganz anderes raus. Es ist einfach nie derselbe Weg. Darum ist der Titel unserer Kooperation auch so passend: EMBRACE YOUR PATH. Deinen ganz individuellen Weg – mit allem, was du hast.

Auch wenn jede:r den eigenen Weg gehen muss: Wenn du der nächsten Generation etwas mit auf diesen Weg geben könntest – was würdest du allen in den Rucksack packen wollen?

Ich glaube wirklich: zuhören können. Das ist ein Skill, der sehr stark verloren geht, einfach weil wir in einer Zeit leben, die schwindelerregend schnell ist. Daraus entsteht der Druck, immer sofort reagieren und kontern zu müssen. Und das führt dazu, dass wir einfach nicht mehr gut zuhören können. Einfach mal leise sein und zuhören, beobachten, lesen – ich glaube, dadurch können wir ganz unwahrscheinlich viel lernen.


Liebe Joy, vielen Dank für dieses tolle Gespräch – und für deine Musik. Wir freuen uns sehr, auf alles, was wir in den nächsten Monaten zusammen erleben werden.

 

Headerfoto: Ulrike Rindermann

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