Gemischte Gefühle zum Jahreswechsel

Gemischte Gefühle zum Jahreswechsel

Es fällt uns leicht, das Jahr 2021 zu verabschieden. Klar: Es gab tolle Momente, der Gründerpreis war eine schöne Anerkennung – und trotz aller Erschwernisse sind wir mit Freude wichtige Schritte in Richtung Regeneration gegangen. Doch manchmal frage ich mich: Stimmt die Balance zwischen Wollen und Können?

Betrachtungen von Anna.


Für mich einer der schönsten Momente des Jahres: Mein Vater steht wie selbstverständlich am Herd, im Kochtopf der Familie: alte Schuhsohlen. So ist er, der pensionierte Chemielehrer. Jemand, der sich total reinhängt, um ganz praktisch, eigenhändig und experimentell unser Recycling-Konzept voranzubringen. Von seinen Kompostierversuchen von Schuhteilen in beschrifteten Marmeladengläsern will ich gar nicht anfangen ... Ich muss schmunzeln, wenn ich daran denke. Es gibt mir Energie und Freude zu sehen, wie unsere gemeinsame Idee der Regeneration ganz viele inspiriert und mitnimmt.

 

Nahaufnahme von zwei Händen, die einen Setzling einpflanzen.

 

Wenn ich persönlich Bilanz ziehe für 2021, will ich ehrlich und transparent sein. Das Jahr war kein gutes Jahr. Es war auch kein wirklich schlechtes – dafür haben wir zu viele Dinge bewegt, die uns zuversichtlich stimmen. Aber wir waren mit Problemen konfrontiert, die wir so noch nicht gekannt und nicht erwartet hatten. Ganz offen: Unsere Art zu arbeiten fiel unter den Vorzeichen der Pandemie schwerer, als ich je gedacht hätte. Unser Schwungrad ist groß geworden – das war so gewollt. Aber die Größe zu managen, ist ein Balanceakt. Sie bringt im Gefüge die berühmten Wachstumsschmerzen. Und auf der anderen Seite braucht es eine gewisse Größe und Profitabilität, um unserer Verantwortung nachzukommen und den Impact zu erreichen, für den wir antreten.


Der Reihe nach: Ich merke nach fast zwei Jahren Corona-Einschränkungen, wie belastet unser tolles Team ist – und das stimmt mich nachdenklich. Unser konsequentes Homeoffice-Konzept schont die Ressourcen, wir können ortsunabhängig Menschen mit tollen Talenten ins Team holen, die unsere Vision teilen. Und ich bin die Erste, die Remote Work und eine unbedingte Vertrauenskultur verteidigt gegen alle Bedenkenträger, die aus einer hierarchiebetonten Kontrollwelt stammen. Nun muss ich erkennen und einräumen: Die lange Zeit ohne bildschirmfreie Begegnung hat uns zugesetzt. Man merkt krass, dass wir uns zwei Jahre lang nicht mehr getroffen haben als Team – und dass wir trotzdem weitergewachsen sind. Die magische Schwelle von 150 Teammitgliedern haben wir einfach so überflogen. Aber jetzt mit 270 Menschen im Team merken wir auch, dass wir uns zu wenig um das emotionale Miteinander gekümmert haben. Mindset, Sicherheit, Eigenverantwortung – diese Themen müssen wir im nächsten Jahr verstärkt miteinander angehen. 


Natürlich: Wir haben versucht, unsere Teamkultur auch remote zu leben – mit fest verankerten Quatschkonferenzen und Feelgood-Momenten jenseits der Arbeit. Aber wenn das Kind nebendran sitzt und sich frustriert an einer Parabel abarbeitet oder die eigenen Eltern Hilfe benötigen, dann zerreißt es einen. Wir können uns bei Wildling nicht freimachen von diesen Erschwernissen. Viele gehen auf dem Zahnfleisch – und draußen ist die Rede von neuen Lockdowns. Uns fehlt gerade ein Ventil, um uns auch Konflikten zu widmen und ihnen Zeit zu geben. Ein Zwinkern, ein Schulterklopfen, ein in den Arm nehmen wäre manchmal gut. Das spüren wir gerade als Nachteil der Remote-Kultur unter den Bedingungen des äußeren Zwangs.


Die wenigen persönlichen Treffen, die wir normalerweise fest übers Jahr einplanen, gaben unserer Remote-Kultur ein Fundament. Das vermissen wir nun schmerzhaft. Wenn man ein rauschendes Sommerfest miteinander feiert, gibt das einen nachhaltigen Energieschub – persönlich und für das Team. Aber eben auch nicht unendlich. Ich habe das Gefühl, hier ist uns etwas weggebrochen.


Von anderen Unternehmen höre ich: „Krankenstand? Bei uns kein Thema. Hier powern alle durch.“ Wo liegt der Unterschied zu uns, denke ich dann? Meine Haupterklärung: Der Wildling-Frauenanteil liegt bei 75 Prozent, bei den Powerunternehmen sicher nicht. Es sind oft besonders die Frauen, die die Doppelbelastung aus Familie und Beruf spüren und jetzt häufiger an ihre Grenze kommen. Aber vielleicht gibt es auch einen positiven Aspekt. Anscheinend traut sich unser Team offen darüber zu sprechen, wenn es nicht mehr geht. Wenn die eigenen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. 


Wir bieten unseren Mitarbeiter:innen an, bei Bedarf ein Viertel der Arbeitszeit zu reduzieren – bei gleichem Gehalt. Ein Unternehmen muss das eine Weile aushalten können, so unser Credo, aber auf Dauer mit angezogener Handbremse zu fahren ist schwierig. Oft höre ich: „Ich liebe meine Arbeit, aber es ist das Einzige, was ich gerade reduzieren kann, um mich irgendwie wieder ein bisschen um mich selbst zu kümmern.“ 


Natürlich. Es geht um Gesundheit, mentale oder physische Gesundheit. Und darum, dafür Raum zu geben und achtsam miteinander umzugehen. Wir müssen es schaffen, ehrlich und angstfrei über unsere Grenzen reden zu können, um uns gegenseitig aufzufangen. Aber wer hat gerade noch die Hände frei? Die Pandemie zehrt und fordert ihren Zoll ohne Rücksichtnahme. Und führt auch dazu, dass individuelle Bedürfnisse so akut werden, dass das Miteinander ins Straucheln gerät. Es entsteht eine Unwucht, wenn Wildling die vermeintlich einzige Variable ist, die zurückstecken kann. In einigen Fällen auch, weil andere Arbeitgeber - häufig die der Partner - kompromisslos am Kurs festhalten. In den Momenten ist es auch das alte Emanzipationsthema, das uns hier als Bumerang auf Unternehmensebene entgegen geflogen kommt. 

 

Ein Kind rennt um einen düsteren See.

 

Ich frage mich natürlich, was es letztendlich bedeutet, wenn Leute in einer Krisensituation einfach durchhalten müssen die ganze Zeit. Das kann nicht gut sein. Ich selbst bemerke auch an mir Zeichen der Gereiztheit und Erschöpfung. Ich habe das Gefühl, ich arbeite schon lange außerhalb meiner Komfortzone. Auf der anderen Seite haben wir viel vor mit Wildling. Und das zwingt uns in einen Spagat zwischen Können und Wollen, den wir so noch nicht hatten. Und da ist ein großer Balanceakt nötig, um einerseits keinen Druck zu machen und den Leuten und sich selbst irgendwie Luft zu geben. Und andererseits den Fokus zu finden, unsere Ziele zu verfolgen. 


Ich mache mir keine Illusionen: In den ersten Monaten des Jahres 2022 ändert sich die äußere Situation wohl kaum – und niemand kann etwas dafür. Die Belastung ist de facto da. Aber wir haben auch eine Verantwortung füreinander, für uns als Team, für das Unternehmen und auch für das, was wir vorhaben. Veränderung, Mitnahme und Umverteilung benötigen fokussierte Aufmerksamkeit. Neue Lösungen brauchen Energie zum Anpacken. Und für alles braucht es auch Geld. Das Anschieben kostet.


„Wir wollen neue Wege finden, indem wir Brücken bauen, die auf Wertschätzung, Empathie und Solidarität fußen“ – so heißt es in unserem Purpose, den wir gemeinsam in diesem Jahr in Worte gefasst haben. Uns den Herausforderungen von Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit widmen und gemeinsam Möglichkeiten definieren, wie Wirtschaft anders wirken kann – das ist unser Ziel. Bessere Schuhe sind unsere Leidenschaft und sie ermöglichen uns auch, unserer Vision und Verantwortung Schritt für Schritt näher zu kommen. 


Um von Purpose sprechen zu können, brauchen wir auch die finanziellen Möglichkeiten. Auf Dauer macht es sich aber bemerkbar, wenn ein Team nur auf halber Kraft läuft. Gleichzeitig kam die größte Nachfrage immer von Menschen, die von Freund:innen und Bekannten von Wildling gehört hatten. Nun gilt: Weniger soziale Kontakte, weniger Erzählung, weniger Nachfrage – ich glaube, so einfach ist das. Wir kommen damit klar, aber mehr wäre in diesem Moment tatsächlich besser.


Die Corona-Krise verursacht bei vielen Menschen existenzielle Sorgen, Ängste und Trauer. Ich will nichts von den einschneidenden Folgen kleinreden. Und doch ist es nichts im Vergleich zu dem, was uns erwartet mit Blick auf das Weltklima-Chaos. Was das angeht, sitzen wir hier immer noch weitgehend auf einer Insel, während andere Menschen an anderen Orten der Welt längst um ihre Existenz und ihre Lebensweise zu kämpfen haben. Und ich glaube, dass wir das trotz dieser Müdigkeit nicht aus den Augen verlieren dürfen. Auch bei Wildling. Unsere Arbeit ergibt nur Sinn, wenn wir uns dem auch widmen können. Wir müssen es schaffen, dafür Kraft, Möglichkeiten und Ressourcen aufzubringen. 

 

Kurz nach einem Regenschauer sehen wir eine schlammige Straße, die auf den Horizont zuführt.

 

So gesehen war 2021 auch ein gutes Jahr. Denn die ersten Schritte in Richtung Veränderung helfen auch wieder, Licht in die Düsternis zu bringen und daraus neue Kraft und Optimismus zu schöpfen. Wir haben an den Lieferketten zahlreiche Projekte angestoßen, um unsere Materialien mittelfristig aus regenerativen Quellen beziehen zu können. Wir haben eine Product Roadmap aufgestellt, in der es darum geht, wie wir einen Schuh am schnellsten und auch am sinnvollsten zirkulär gestalten können. Wir haben ein Reparaturangebot auf die nächste Stufe gehoben, sodass es ab dem nächsten Jahr für alle einfach nutzbar ist. Und beim Sohlenrecycling haben wir erste super Erfolge erzielt – mit Papa am Kochtopf mittendrin.


Wir waren in Frankreich, wo wir mit einem Kooperationspartner zusammen versuchen, Hanf als Material anbauen und einsetzen zu können. Erste wirklich ermutigende Versuche sind absolviert, wir können mit unseren Aufträgen den Aufbau erleichtern. Oder in Portugal: Dort haben wir Schäfer besucht, von denen wir künftig Wolle bekommen können. Damit schaffen wir nicht nur die denkbar kürzesten Lieferwege, sondern koppeln das mit einem starken Projekt: Diese Schäfer bekommen Herdenschutzhunde und Zaunmaterial vom Projektpartner Rewilding Portugal zum Schutz vor dem Iberischen Wolf. Und da wir die Wolle für erheblich mehr Geld als üblich abkaufen, lassen sich diese Hunde auch finanzieren. Das sind so Dinge, die mich positiv stimmen und motivieren. 


Wir haben ein Wahnsinnsteam und kooperieren mit ganz tollen Unternehmen, Organisationen, Menschen auch außerhalb von Wildling. Ich bin überzeugt, dass wir echte Lösungen finden und gemeinsam wieder stärker in eine Kraft kommen werden. Das klingt jetzt fast esoterisch, aber ich glaube, das trifft es trotzdem ganz gut. Es sind so viele Menschen, die etwas in die richtige Richtung bewegen wollen. Das stimmt mich optimistisch und macht Hoffnung für 2022.


ENDE

 

Alle Bilder: Sarah Pabst