Das große, weite Internet bringt Menschen miteinander zusammen, die die gleiche Leidenschaft teilen, ganz egal, wie viele Kilometer sie trennen. Brian teilte auf seinem instagram-Kanal ein Foto seiner Kids in Wildlingen. Und Brian läuft Marathon. Aber nicht in Schuhen. Den Rest lest ihr selbst im Interview:

Als ich vier war bekam ich eine seltene Form der Hirnhautentzündung (Meningokokken-Meningitis). Eine sehr ernstzunehmende und oft tödliche Krankheit. Sie muss innerhalb weniger Stunden erkannt und behandelt werden. Da die Symptome ähnlich einer Grippe sind, vergeht oft zu viel Zeit bis zur richtigen Diagnose. Ein großer Anteil von Menschen, die die Krankheit überleben haben danach dauerhafte körperliche oder geistige Beeinträchtigungen. In meinem Fall mussten meine Beine unterhalb der Knie amputiert werden.

Jedes Kind hat eine Eigenschaft (körperlich oder geistig), die es besonders macht und seine Persönlichkeit definiert. Wie war deine Kindheit, mit Hindernissen, die es täglich zu überwinden gab? Welchen Ratschlag würdest du anderen besonderen Kindern geben?

Mit amputierten Beinen aufzuwachsen bringt zweifellos Hindernisse, die sich von denen anderer Kinder unterscheiden. Aber ich habe nie von mir als “anders” oder benachteiligt  gedacht. Ich glaube, das war meine große Stärke. Ich ließ “amputiert” mich nicht definieren oder bestimmen. Ich suchte mir ein Ziel und fand einen Weg, dorthin zu kommen und die Hindernisse zu überwinden. So wurde ich ein Turnier-Reiter und spielte Baseball und Basketball in meiner Stadt-Liga. Jeder hat seine alltäglichen Herausforderungen und Hindernisse im Leben und alle müssen herausfinden, wie sie überwunden werden können. Mit amputierten Unterschenkeln zu leben war meine Herausforderung aber ich habe mich davon nie aufhalten lassen. Das ist eine wichtige Botschaft für alle: Lass dich nicht von Hindernissen aufhalten! Es gibt immer einen Weg, sie zu überwinden.

Wie kamst du zum Laufen und wie fühlte es sich an, als du das erste mal deine Renn-Prothesen anhattest?

Schon bevor ich überhaupt mit dem Laufen anfing, stand ein Marathon auf meiner Bucket Liste. Ich begann mit kleinen Einheiten: Jeden Tag eine Minute auf dem Laufband, eine Woche lang. Dann zwei Minuten am Tag, eine Woche lang. So dauerte es zwei Monate, bis ich anderthalb Kilometer schaffte. Ich lief auf normalen Geh-Prothesen. Sie sind nicht fürs Laufen gemacht, sie scheuerten schrecklich, ich bekam Blasen und ich bekam Rissen in der Haut, die bis heute nicht richtig verheilt sind. Aus irgendeinem Grund machte ich trotzdem mit dieser täglichen Tortur weiter. Man sagte mir, meine Sturrheit und Beharrlichkeit grenze an Wahnsinn.   

2013 zog ich glücklicherweise nach New Jersey und suchte einen neuen Orthopädiemechaniker. Er half mir, an meine ersten Renn-Prothesen zu kommen. Rennprothesen sind mit die am meisten maßgeschneiderten und teuersten Prothesen - sie kosten ungefähr 30 000 $ pro Bein in der Herstellung. Um sie an meine Schenkel anzupassen dauert es 150 bis 200 Stunden. Ich bekam meine Rennprothesen kurz vor meinem ersten Marathon. Das erste Mal in ihnen zu Rennen war ein unglaubliches Gefühl. Ich fühlte mich so frei wie noch nie in meinem Leben, so als würde ich fliegen. Ich glitt nahezu über den Boden. Meine Haut wurde nicht mehr so gequält und ich musste mich nicht mehr täglich durch den Schmerz kämpfen. Zu sagen, dass meine Rennprothesen mein Leben verändert haben ist eine Untertreibung. So wie die Meningitis haben meine Rennprothesen meinen Lebenslauf maßgeblich beeinflusst.

Welche Funktion haben normale Schuhe für dein Training?

Mein Orthopädiemechaniker nutzt Reifenprofile am unteren Ende, um meine Prothese so effizient zu machen wie möglich. Das ermöglicht eine große Zugkraft und vereinfacht den Kraftaustausch. Für das Laufen bei Marathonwettkämpfen haben Schuhe für mich keine Bedeutung. Aber ich trage im Alltag durchaus Schuhe wie andere auch. Obwohl ich keine ‘richtigen’ Füße habe, tendiere ich bei der Schuhwahl zu leichten Schuhen mit dünner Sohle, da sie mir einen besseren Bodenkontakt ermöglichen und die Wahrnehmung erleichtern. 

Was sagst du zu der Diskussion, dass die Rennprothesen dir einen Vorteil verschaffen? Was sind deine Erfahrungen? Wie lassen sich die Erfolge von Markus Rehm und Hunter Woodhall auf deinen Versuch übertragen, den Drei-Stunden-Rekord zu unterbieten?

Gegenwärtig ist die Behauptung, dass Prothesen einen Vorteil für Amputierte bringen totaler Quark, meiner Meinung nach. Mir fehlen Muskeln und Gelenke, die sonst helfen würden, dass ich mich vorwärts schrauben kann. Um wirklich wettbewerbsfähig zu rennen muss ich Stunden beim Physiotherapeuten verbringen, damit dort die anderen Bereiche meines Körpers als Ausgleich trainiert werden können. Zusätzlich geh ich zu einem Chiropraktiker, der mir hilft, die Belastungen auszugleichen, die zum Beispiel auf meinen Hüftbeugen lastet, weil diese einen Großteil der Arbeit übernehmen, die sonst Waden und Knöchel übernehmen würden, um mich vorwärts zu bewegen.

Ich finde es lächerlich, dass Menschen behaupten, ich hätte einen Vorteil, wo ich doch weniger Muskelgruppen habe um damit zu trainieren. Markus Rehm und Hunter Woodhall sind beide großartige Athleten. Ich glaube nicht, dass sie Vorteile haben: im Gegenteil denke ich, müssen sie härter als alle anderen Athleten in ihrem Sport trainieren, um Erfolg zu haben. Vielleicht haben sie etwas mehr Talent, als der durchschnittliche Mensch, aber letzten Endes brauchten beide mehr Schneid und Entschlossenheit, um dahin zu kommen, wo sie jetzt sind. Prothesen als Vorteil zu bezeichnen macht unsichtbar, was wir als Athleten leisten müssen. Wir drei, ebenso wie viele andere Sportler mit Amputationen, die ein erfülltes glückliches Leben haben, haben gezeigt, dass wir alles erreichen können, was wir uns vorstellen.

Was lernen wir vom Design von Rennprothesen über menschliche Biomechanik. Sie haben keinerlei Ferse und erleichtern den Mittel-/Ballengang beim Gehen und Laufen? Wie passt das mit dem Design von Laufschuhen zusammen, die das Landen auf der Ferse unterstützen?

Um eines vorweg zu nehmen: Ich habe keinen wissenschaftlichen Hintergrund, ich kann dazu nur aus meiner Erfahrung sprechen. Also bitte nicht aus dem Kontext reißen, was ich jetzt sage! Ich persönlich glaube, dass der Ballengang oder Mittelfußgang sich am besten fürs Rennen eignet. Es ist der natürlichste Schritt für einen Menschen. Wenn man barfuß läuft kommt man automatisch mit Vorder- oder Mittelfuß auf, weil man den Aufprall so am besten auffangen kann. Mit meinen Rennprothesen ist es ohne die Ferse manchmal schwierig, einfach ruhig zu stehen oder zu gehen. Es ist, als würde man die ganze Zeit auf Zehenspitzen stehen. Aber wenn ich renne ist es das beste und effektivste Feature um schnell zu sein!

Egal welche Schuhe ein Läufer trägt, der Fersengang sollte vermieden werden. Ich persönlich ermutige Läufer sich einen Ballengang anzugewöhnen. Viele meiner Freunde laufen barfuß oder in Minimalschuhen und haben damit großen Erfolg und weniger Verletzungen. Keines meiner beiden Kinder hat jemals konventionelle Schuhe getragen. Sie sind entweder barfuß oder tragen Schuhe mit dünner Sohle und weitem Zehenbereich wie in Wildlingen. Beide haben einen wunderbaren Gang, der es ihnen ermöglicht, ohne Anstrengung zu springen und dahin zu gleiten.


 

Danke Brian für das Interview und

Run Wild! Team Wildling